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Mittwoch, 9. November 2011

Exkurs: Öffentliche Verkehrsmittel

Wenn man sich in Lima ohne eigenes Auto bewegen möchte, hat man prinzipiell drei Möglichkeiten: zu Fuß, im Taxi oder im micro. Ersteres bietet sich ja leider nur für kürzere Distanzen an und da Lima ja eine große Stadt ist, bleiben eigentlich nur noch Taxi oder micro.

Taxifahren war anfangs das reine Abenteuer für mich. Mit verhandelbaren Preisen, klemmenden Türen, manchmal recht dubiosen Fahrern und vollgestopft bis zum Kofferraum (das meine ich wörtlich) ist das hier doch eine ganz andere Erfahrung als in Europa. Die paar Male, die ich im letzten Jahr in Deutschland Taxi gefahren bin, kann ich an einer Hand abzählen. Hier greife ich mehrmals die Woche darauf zurück. Es ist aber auch so einfach. Schon wenn man eine Straße entlangläuft, werden sie alle Nase lang langsamer, kurbeln die Scheibe runter und fragen, ob du nicht mitfahren willst. Ansonsten stellt man sich einfach an den Straßenrand, winkt und schwuppdiwupp hält ein Auto. Manche haben ihr Schild auf dem Dach, bei anderen lehnt es innen an der Windschutzscheibe. Dann teilt man sein Fahrtziel mit. Der Fahrer nennt einen Preis (bei Ausländern ist der gern mal ein bisschen höher). Wenn man nicht einverstanden ist, schlägt man einen eigenen vor. Ein bisschen verhandeln, dann ist man sich meist einig. Und wenn nicht: es gibt ja noch genügend andere Taxis.
Die Fahrt an sich kann auch noch einmal zu einem gewaltigen Abenteuer werden. Immerhin neigen taxistas zu einem flotten Fahrstil, der in Kombination mit Schlaglöchern und traffic bumbs mitunter zu einer ganz schönen Schleuderfahrt wird. Je nach Anzahl der Mitfahrer ist es auch nicht immer bequem.
Angemerkt sei an dieser Stelle auch, dass Taxifahren in Lima nicht 100% sicher ist. Mir ist die eine oder andere Geschichte zu Ohren gekommen, in welcher der Taxifahrer am Ende statt des Rückgeldes eine Pistole hervorgeholt hat und die Betroffenen ausgeraubt wurden. Besonders nachts sollte man halt nicht alleine fahren und wenn es sei muss, besser ein sicheres Taxi anrufen. Mir ist bisher nichts passiert und ich hoffe, dass es auch so bleibt.
Zu den Preisen sei noch kurz gesagt, dass die weit unter deutschem Niveau liegen: grob wird ein Sol (etwa 25 Cent) pro Kilometer veranschlagt, wobei das je nach Uhrzeit und Anzahl der Personen noch steigen kann.

Die andere Möglichkeit der Fortbewegung sind micros. So werden die Busse hier genannt.
Entlang der Straße gibt es zwar Haltestellen, allerdings kann man die micros überall anhalten und ebenso überall aussteigen. Fahrpläne gibt es selbstverständlich nicht.
Ein micro sieht normalerweise so aus: ein Kleinbus, der durch bunte Streifen, auf denen die größten Straßen der Route stehen, und eine Nummer identifiziert wird, ein bisschen alt und rostig aussieht. Aus der Tür hängt sich ein/e cobrador/a, der/die die Route anpreist, die Tür nach Bedarf öffnet und schließt und während der Fahrt das Geld einsammelt. Die Sitze sind nicht immer die neusten, kürzlich hab ich einen erwischt, bei dem die Füllung schon herauskam. Oft sind die micros gestopft voll, sodass ich schon manchmal fast nicht mehr rechtzeitig rausgekommen bin.
Teuer kann man eine Fahrt im micro wirklich nicht nennen. Der Preis hängt von der Strecke ab, wobei es nur in Ansätzen ein System für dessen Berechnung gibt. Zur Uni bezahle ich jedenfalls 50 Centimos, weil ich da nur eine Straße entlang muss. Meine teuerste Fahrt hat einen Sol und 50 Centimos gekostet und da bin ich eine ganze Ewigkeit durch die Gegend gegondelt.
Den besten Eindruck bekommt ihr vielleicht, wenn ich die eine oder andere Begebenheit erzähle.
  • Ich steige mit einer Umhängetasche voller Einkäufe und einer Tüte in der Hand in ein micro, dass schon ziemlich gestopft ist. Ich stelle mich in den vorderen Teil und halte mich oben an der Haltestange fest. Der Fahrer fährt los - um gleich darauf wieder blitzartig zu bremsen. Verstärkt durch meine schwere Tasche rutsche ich, nein ich fliege eher, Richtung Windschutzscheibe. Sämtliche stehenden Passagiere scheinen einen Meter weiter vorn zu stehen. Zum Glück sind die Fahrgäste solches Verhalten ja gewöhnt und niemand ist quer durchs micro geflogen. Kurz durchatmen und weiter geht die Fahrt.  
  • Ein anderes Mal war ich etwas spät dran. Deswegen nahm ich das erstbeste micro, das kam, auch wenn das schon proppevoll war. Das führte dazu, dass ich auf der Türstufe stand und nur nicht rausfiel, weil hinter mir noch der cobrador war, der sich an den Haltegriffen an der Tür festhaltend diese ersetzte.
  • Desöfteren passiert es auch, dass Leute im micro Süßigkeiten, Stifte zum Testen der Echtheit von Geldscheinen oder Schmuck verkaufen, Lieder singen oder von den Schwierigkeiten in ihrem Leben erzählen und die Fahrgäste danach um Geld bitten. 
  • Die Fahrgäste regen sich gerne lautstark über die Fahrkünste des Fahrers auf. 
Dieser Bericht gibt natürlich nicht mal annähernd wieder, wie sich das anfühlt. Dazu muss man das selbst erleben. :)

      Montag, 7. November 2011

      Exkurs: Lima

      Ja, vor langem hab ich sie angekündigt, nun könnt ihr den ersten lesen: die Exkurse.
      Ich beginne mit Lima (was man übrigens u.a. mit Limette überzetzen kann): 


      Die Leute in Peru, denen ich bisher erzählt habe, dass ich in Lima lebe (die limeños - Leute, die in Lima wohnen - ausgenommen), haben ein bisschen bis sehr entsetzt reagiert. Lima sei hässlich, laut, riesig, anstrengend, dreckig, gefährlich, ungemütlich, das Wetter sei nicht toll. All das stimmt auch ein bisschen. 
      Lima IST riesig. Je nach Schätzung leben hier 8 bis 10 Millionen Menschen. Deswegen braucht man je nach Ziel auch Ewigkeiten, um von A nach B zu kommen. 
      Es gibt viele viele arme Viertel und einige, die selbst bei Tage, sehr gefährlich sind. Die Unterschiede zwischen arm und reich habe ich in keiner anderen Stadt so sehr wahrgenommen. 
      Es ist laut auf der Straße wegen der vielen Autos, vor allem micros und Taxis bahnen sich ihren Weg, verpesten die Luft, hupen und knattern in einer Lautstärke, die manches Gespräch zu Geschrei werden lässt. 
      Der machismo nervt mich: Männer, die mir hinterherpfeifen, -rufen, -schmatzen und -laufen und mich dabei nie als Subjekt, sondern immer nur als Objekt wahrzunehmen scheinen. 
      Die Sonne wurde in meinen ersten zwei Monaten zu einem Objekt des Hören-Sagens. Denn zu sehen bekam ich sie wegen der dichten grauen Brühe am Himmel fast nie. 

      Doch ich rede nicht ohne Grund von meinem geliebten Lima. Und das nicht nur, weil inzwischen die Sonne fast täglich intensiv auf die limeños scheint. 
      Lima verfügt über eine Vielzahl kultureller Einrichtungen: Museen, Kinos, Theater, Festivals, Konzerte. Hinzu kommen schöne Parks und natürlich das Meer und die Steilküste im Viertel Miraflores. 
      Ich mag das Leben und den Trubel auf der Straße; dass man an jeder Ecke alle möglichen Getränke, kaltes und warmes Essen, Zeitungen und frisches Obst und Gemüse bekommt. 
      Vieles ist hier so anders, zum Beispiel gibt es Leute der verschiedenen Telefonnetze, die mit einem Handy wedelnd auf der Straße stehen und llamadas, llamadas (Anrufe, Anrufe) rufen. Wenn man gerade kein Guthaben hat, kann man bei diesen netten Persönchen seine Mutter, den Chef oder die Halbschwester anrufen - gegen entsprechende Bezahlung natürlich. 
      An jeder Straßenecke gibt es tiendas (kleine Lädchen), in denen man Lebensmittel für den spontanen Bedarf, Klopapier, Handyguthaben den einen oder anderen Alkohol bekommt. Das erspart mir den Weg zum Supermarkt (denn solche gibt es natürlich auch), wenn ich doch nur eine Tomate brauche. 
      Genau so gibt es überall kleine Restaurants, wo man für wenig Geld ein (mal mehr, mal minder) leckeres Menü, köstliche Nachspeisen oder frisch zubereitete Säfte bekommt. 
      Und natürlich finde ich es schlichtweg aufgregend hier zu leben, weil es so anders ist. Ich glaube fast, dass allein in meiner Straße und den beiden daneben mehr Leute als in Ilmenau wohnen. ;)

      Ich hoffe, ihr könnt ein bisschen verstehen, warum ich mich hier so wohl fühle. Vielleicht weil man hier das Leben merkt, so abgedroschen das auch klingen mag.

      Limettige Grüße,
      Karo

      Montag, 12. September 2011

      Wenn kulinarische Begegnungen weniger schön sind

      Buenas tardes amigas y amigos,

      da sitze ich hier in meinen Zimmerchen, höre Musik und trinke einen Tee. Denn nach dem Wochenende scheint es mit Sonne erst einmal vorbei zu sein.

      Der heutige Montag fing ganz wunderbar an: mit einer Lektürekontrolle in Comunicación Intercultural. Ich hab also fast den ganzen Sonntag mit dem Lesen spanischer Texte verbracht (deswegen konnte ich leider Pattis Geburtstag nicht gebührend begehen). Bis 12 Uhr nachts habe ich gelesen und übersetzt. Irgendwann konnte ich nicht mehr. Für die eine oder andere Seite hab ich eine halbe Stunde gebraucht und war dann doch nicht sicher, ob ich den Inhalt richtig aufgefasst hab... Aber als Lucía mitteilte, dass sie um 11 erst angefangen hat und ich rausfand, dass die ganze Kontrolle höchstens 10% zählt, hab ich mir nicht mehr so viele Sorgen gemacht.
      Es war letztendlich auch nicht so schlimm. Zwar ist meine Ausdrucksfähigkeit nach wie vor sehr limitiert, aber zumindest wusste ich bei jeder Frage, worauf sie in etwa abzielt.

      Danach ging es auf zur Mistura mit Sarah, Patti, Zsara und Willy. Die Mistura ist eine grooooße Essensmesse, die mehrere Tage geht und einen immensen Zuspruch hat. Wir haben unsere Tickets gerade noch rechtzeitig erstanden, bevor es keine mehr gab.
      Besonders beeindruckend fand ich die Riesenauswahl an Früchten und Kartoffeln, von denen einige arg exotisch aussahen. Vieles stammt aus dem Regenwald und ist auch den Peruanern nicht geläufig. Sehr lecker war ein Eis aus einer Frucht, deren Namen ich leider nicht wiedergeben kann. Spannend sehen auch die Kartoffeln mit bläulicher Färbung aus, die Patti und Zsara ergattert haben.
      Weniger schön war eine andere Begegnung: völlig unverhofft fand ich mich in Angesicht zu Angesicht mit cuy wieder, ein typisches peruanisches Gericht. Cuy ist Meerschwein. Totes Meerschwein. Flach gedrückt und gebacken oder frittiert. Als Sarah dann noch von halbierten asiatischen Ratten erzählte, wurde mir spontan so übel, dass ich schnellstens den Schauplatz verlassen musste. Nein, ich glaube, cuy werde ich nicht probieren, obwohl ich sonst ja sehr offen bin, was kulinarische Abenteuer betrifft.

      Für die Mistura haben Zsara und ich unseren montäglichen Sport-Kurs sausen lassen. Naja, wir werden es verkraften. Nach vielem Überlegen mache ich den nun doch weiter. Zwar werden Aerobic und ich wohl nie auch nur Bekannte, aber der Besuch ist jedes Mal sehr amüsant. Nicht zuletzt weil Lachkrämpfe auf der Tagesordnung stehen, wir übertrieben oft als „soooo funny“ bezeichnet werden und eine Peruanerin mir beim letzten Mal erklärt hat, dass ich gar nichts dafür könne, dass ich so schlecht bei Aerobic tanze – ich sei eben Europäerin. Ah ja.

      Nun mache ich mich gleich auf den Weg zur Católica. Dort treffe ich mich mit Sarah um in den Cineclub zu gehen. Den haben wir letzte Woche schon entdeckt und Fahrenheit 451 gesehen. Heute läuft Mr. Butterfly. Hoffentlich klappt das. Denn der Film läuft im Auditorium der Bib, in die man nur mit Studentenausweis kommt. Den hat Sarah ja leider nicht.
      Allein schon ihr Besuch auf dem Campus gestaltet sich als ein wenig schwierig. Wir müssen nämlich jedes Mal zum Besucherschalter, ich muss dort meinen Ausweis hinterlegen (denn ich studiere ja dort) und dann darf sie das Heiligtum betreten. Es mutet schon ab und an etwas übertrieben an, das Sicherheitsbedürfnis.

      Zum Abschluss: ich hab mir vorgenommen, ab und zu einen kleinen Exkurs über meine Wahrnehmung bestimmter Aspekte oder über bestimmte Themen zu schreiben, z.B. das Essen, Busfahren, mehr über meine Kurse und die Uni etc. Zwar erfahrt ihr darüber auch viel aus meinen Erzählungen über das Tagesgeschehen, aber das beleuchtet ja mitunter nur einen winzigen Ausschnitt. Mal sehen also, womit ich anfange. :)

      Liebe Grüße,
      Karo