Donnerstag, 15. Dezember 2011

Chile1: 01. bis 05. 12 oder Wie Chile und Lettland zusammentrafen

Ich bin wieder zurück in Lima. Es war wundervoll in Chile!

Der Übersichtlichkeit halber habe ich beschlossen, meinen Bericht in drei Teilen zu schreiben.
Beginnen wir also am Anfang. 

Am 1. Dezember bin ich nach Santiago gefahren. Gegen Mitternacht kam ich in der Hauptstadt Chiles an. Ziemlich gerädert wegen des Fluges und müde wegen der Zeitverschiebung (zwei Stunden näher an der mitteleuropäischen Zeit). Bei Verlassen des High-Security-Bereichs des Flughafens kam gleich ein Taxifahrer auf mich zugesprungen. Wir verhandelten noch kurz über den Preis: 12.000 Chilenische Pesos. Etwa 18 Euro. Viel teurer als in Perú. Aber da war ich schon vorgewarnt wurden. Außerdem haben mich meine peruanischen Freunde und Bekannten gern gefragt, was ich denn bitte in Chile wolle. Es gibt nämlich einen kleinen Konflikt zwischen den beiden Ländern, der daher rührt, dass beide Anspruch auf bestimmte Gebiete erheben. Nun, in Chile ging das dann auch andersherum weiter: der (sehr schwatzhafte) taxista fragte mich, ob ich denn einen peruanischen Freund habe. Auf mein Verneinen legte er mir ausführlich dar, dass es auch viel besser wäre einen Chilenen zu nehmen. Ahhh jaaa…

Nun, irgendwann kam ich im Eco Hostal an, wo Annika, die bereits nachmittags aus Argentinien angekommen war, auf mich wartete. Juhuuu! :) Das Hostel ist sehr schön mit zwei Patios und hohen Decken. Allerdings war es ein bisschen übervölkert von Deutschen. Dass die aber auch immer soviel reisen müssen! :)
In den nächsten zwei Tagen haben wir Santiago erkundet. Die Stadt hat einen viel europäischeren Touch als Lima. Unter anderem verläuft der Verkehr einigermaßen geordnet, es gibt kaum Straßenverkäufer und viel mehr Cafés. Wir sind auf Aussichtspunkte gekraxelt, haben die Sonne genossen, sind die Straßen entlanggeschlendert, haben Kaffee und Saft getrunken und sind an dem einen oder anderen Stand mit Ohrringen hängen geblieben … 
Und auf der Plaza de Armas kamen zwei Mädchen auf uns zu: sie hätten da dieses Uniprojekt, ob wir ihnen helfen könnten. Sie würden uns einen Begriff nennen und wir sollten den mithilfe eines Kissens darstellen und sie würden derweil ein Foto machen. Nun, da haben wir doch gern mitgemacht. Der Begriff war Schwiegermutter. Habe ich also so getan, als sei das Kissen eine stereotypische Schwiegermutter und es mit der einen Hand möglichst weit weggehalten und mit der anderen, begleitet von einem skeptischen Blick, ein bisschen zu mir herangezogen. Hahaha. Das eigentlich famose an dieser Begegnung war, dass eines der beiden Mädchen aus Lettland kam und gerade ein Auslandsjahr in Santiago macht (falls nicht schon bekannt: ich hab nach der Schule einen 10-monatigen Freiwilligendienst in dem kleinen baltischen Land gemacht). Hach, da hab ich mich aber gefreut, auch wenn mein Lettisch so eingerostet ist, dass ich nur ein paar Wörter gestammelt habe und wir uns doch auf Spanisch unterhalten haben. :)

Nach diesen zwei Tagen ging es nach Süden. Das Schwierige an Chile ist nämlich, dass es ziemlich lang und dünn ist (wenn man mir diesen geografisch inkorrekten Ausdruck erlaube) und Santiago etwa in der Mitte liegt. Norden oder Süden war also die Frage. Nun, unsere Entscheidung habe ich ja schon erwähnt.
10 Stunden sind wir nach Valdivia mit dem Bus gefahren (tendenziell bequemer als in Perú). Dort angekommen musste ich mich erstmal an die Landschaft gewöhnen. Es sah nämlich ein bisschen so aus wie ich mich an Schweden erinnere. Niedliche Häuschen, ein Fluss und viel üppige grüne Natur. Zwei Tage sind wir geblieben, sind durch die Stadt gelaufen (eine ehemalige deutsche Kolonie), haben Seelöwen im Fluss bewundert, waren in einem Museum für moderne Kunst und sind zu einer Brauerei in der Nähe gefahren. Kunstmann heißt diese und wurde von einem Deutschen gegründet. Es hieß, dass man dort eines der besten Biere Südamerikas bekomme. Also haben wir uns zum Mittag zwei Krüge Bier bestellt, eine Curry-Wurst und en Stück Sacher-Torte. (Keine Sorge, solches Verhalten haben wir nicht immer an den Tag gelegt.) Ein bisschen anders war alles: das Bier ein bisschen wässrig (ich glaub, ich mag das peruanische tendenziell mehr), die Curry-Wurst hatte eine andere Konsistenz und die Sacher-Torte, hm, die war ziemlich lecker. :)

Abschließend damit ließen wir Valdivia hinter und stiegen in einem Bus nach Puerto Montt. Doch davon mehr im nächsten Post.

Ich hoffe ihr habt alle eine schöne Adventszeit, backt fleißig Plätzchen und seid noch nicht genervt vom Weihnachtsgeblinke in den Fenster, Supermärkten und Kaufhäusern.Hier scheint die Sonne ...

Bis ganz bald. Ich denke an euch.
Karo

Mittwoch, 30. November 2011

Semester ist (fast) aus - auf nach Chile!

Hallo ihr Lieben,

nun ist schon wieder ein bisschen Zeit vergangen, seitdem ich mich zu letzt gemeldet habe. Aber irgendwie waren die letzten Tage auch ganz schön vollgestopft. Besonders die Bibliothek hat mich recht oft gesehen. Hier sitze ich auch gerade noch. Schön ist zwar anders, aber ich habe mich an Wartehallenatmosphäre, Unruhe und wenig Platz gewöhnt. Der Grund meines Hierseins ist eine Hausarbeit, die  wir morgen früh einreichen müssen. Eine andere habe ich heute schon abgegeben, was meine heute ohnehin schon gute Laune nochmal ein ganz schönes Stück gesteigert hat! Das Semesterende ist also in Sicht. Für einige zwar erst in zwei Wochen, aber für mich Glückliche morgen. Und genau pünktlich fliege ich morgen nach Chile. Dort treffe ich mich mit Annika (von ihr hab ich in Ilmenau u.a. die großartige Empfehlung bekommen, in die Casa Rio Grande zu ziehen) und werde mit ihr knapp zwei Wochen durch Chile reisen und am Ende mich hoffentlich mit Nene treffen, die ein Jahr bei mir in der Schule war, als ich 16 war.

Weiterhin war ich in der vergangenen Woche in zwei Filmen über politische Gewalt in Südamerika. Die liefen als Teil eines Kinoprojektes, dass die Católica zur Erinnerung initiiert hatte. In der Hinsicht ist die Uni wirklich sehr engagiert; ständig gibt es Workshops, Filmfestivals, Vortragsreihen zu verschiedenen gesellschaftlichen Themen.
Einer der Filme, den ich gesehen habe, war eine kolumbianische Dokumentation über die Gewalt, die der indigenen Bevölkerung vor 40 Jahren wiederfahren ist und welche Auswirkungen das bis heute hat, nämlich u.a. den Ausschluss vom Bildungssystem. Der zweite war ein peruanischer Spielfilm über den Terrorismus in den 80er Jahren. Beleuchtet wurde eine Armeeeinheit, die in einem Dorf stationiert wird um Mitglieder des Sendero Luminoso, einer terroristischen Gruppe, zu bekämpfen, wie die Protagonisten mit der Angst umgehen und – das entspricht auch der historischen Wahrheit – dass die Bauern am meisten unter diesen Auseinandersetzungen gelitten haben, obwohl sie weder der einen noch der anderen Seite angehörten, aber immerzu in Verdacht standen, mit dem Gegner zu kooperieren. Besonders erwähnenswert ist auch, dass der Film, der übrigens den Namen La Boca del Lobo trägt, 1989 und damit noch recht zeitnah an den Ereignissen gedreht wurde und sich dennoch um eine gewisse Objektivität bemüht.

Abschließend noch ein paar Worte zu meinem ersten Arztbesuch. Meine Erkältung bin ich nämlich leider noch nicht ganz los geworden. Deswegen hab ich mir einen Termin im Servicio de Salud geholt. Lapidar mit Gesundheitsservice übersetzt handelt es sich um eine Einrichtung der Católica, in der es mehrere Ärzte verschiedener Fachrichtungen gibt, die man als Studierende der Uni kostenlos aufsuchen kann.
Am Montag war ich also da. Und die Dame war auch sehr nett, hat mich gefragt, wie lange das geht, mir in den Hals geschaut, mich abgehört – und mir Antibiotika verschrieben. Ich hatte ja schon immer das Gefühl, dass man in Peru tendenziell damit schneller vorgeht, nun sehe ich es in eigener Erfahrung ein bisschen bestätigt. Ich hab sie also nicht genommen und fühl mich trotzdem besser. Was vielleicht auch an meiner unverschämt guten Laune und meiner Reisevorfreude liegt.

Ich melde mich, wenn ich aus Chile zurück bin. Bis dahin: muchas saludos, alles Liebe, ich hab euch gern!

Ach ja: das Wetter ist richtig richtig warm und sommerlich! Wie passend zur Adventszeit .... :p

Mittwoch, 23. November 2011

Hui hui hui, viel ist passiert!

Was ist so passiert ... Letzten Samstag (also am 12. November) waren wir auf der Abschluss-Fiesta von der Semana de Comunica.  Es ist nämlich so, dass an der Católica (auch liebevoll Cato abgekürzt), die verschiedenen Fakultäten im Laufe des Jahres eine Woche haben, wo dann verschiedenste Wettkämpfe zwischen den einzelnen Studiengängen ausgetragen werden. Vor kurzem wurde der Staffelstab also an die Kommunikations-Fakultät weitergegeben. Nachdem schon während der Woche u.a. Fußball- und Volleyball-Matches ausgetragen wurden, fand der Wettkampf am Samstagabend seinen Höhepunkt.
Als wir gegen 10 Uhr abends eintrafen, war das Spektakel schon in vollem Gange. Tanz mit deinem Prof hieß das Spiel. Es tanzten also Pärchen der fünf verschiedenen Studiengänge, jeweils aus einem studentischen und einem professorischen Part bestehend. Und wie da getanzt wurde! Der südamerikanische Stil ist ja generell schon sehr eng. Und daran ändert sich offenbar auch nichts, wenn man mit seiner/m Prof tanzt. Gewöhnungsbedürftig …
Faszinierend waren die Spiele in jedem Falle. Da wurde getanzt, gesungen und natürlich eine ganze Menge Alkohol getrunken. Am Ende (inzwischen war es schon 3 Uhr morgens) wurden alle Spiele der Woche und des Abends ausgewertet und ein Sieger gekürt. Und wegen eines Unterschiedes von fünf Punkten zwischen dem ersten und dem zweiten Platz, waren einige am Ende ganz schön betrübt. Soviel zum Spiel …

In der Woche danach (also die, die jetzt gerade hinter mir liegt) habe ich nach vielem Überlegen praktische Erkundigungen eingezogen über eine Sache, die mir schon sehr sehr lange im Kopf umherschwirrt: nämlich aus meinem einen Auslandssemester zwei zu machen. Weil mir die Uni gefällt, ich wahnsinnig gern in Lima wohne und meinem Spanisch noch mehr Zeit geben möchte.
Ein paar Nachfragen in Ilmenau und hier in der Oficina de Relaciones Internacionales später wurde mir mitgeteilt, dass das möglich ist! Ich hab noch ein bisschen hin und her überlegt und hab mich jetzt entschieden: ich bleibe, sofern mit der Umbuchung meines Rückfluges alles klar geht, ein Semester länger. (An dieser Stelle sei angemerkt, dass Flüge von KLM gerade relativ billig sind und Besuch jederzeit gern gesehen ist!:) )

Samstag war ich mit Willy, Zsara, Patricia und weiteren Peruaner/innen in einem Projekt namens Pinoteca. Es ist auf einem der cerros, der armen Viertel auf den Bergen am Rand Lima, gelegen. Dieses Projekt organisiert Freizeitbeschäftigungen für die Kinder aus der Umgebung. Erst sind wir eine Weile mit dem Taxi durch die Stadt gefahren und dann nochmal mit moto taxis den Berg hinauf. Oben angekommen wurden wir schon neugierig erwartet. Wir haben mit den Kindern vor allem Ball gespielt und gemalt. Ein Teil bestand aber auch darin, dass wir uns den Kindern kurz vorstellten und sie uns danach mit Fragen gelöchert haben. Wie alt wir sind, ob wir verheiratet sind, wie unsere Mütter sind, welche Farbe die Häuser haben, in denen wir wohnen und viel mehr. Charmant nur, dass ich nicht sprechen konnte. Ich hab mich nämlich erkältet und kurzweilig meine Stimme verloren. Was dazu führte, dass ich mich mithilfe eines Büchleins und Stift oder eben mittels Marker und Tafel verständigte.
Mir haben die wenigen Stunden in dem Projekt viel Spaß gemacht. Allerdings hat es auch die Gegensätze Limas wieder ins Gedächtnis gerufen. Der Taxifahrer hat uns vor dem Aussteigen noch ausdrücklich gewarnt und gleichzeitig hat eines der peruanischen Mädels erzählt, dass sich 10 Minuten weiter eines der reichsten Viertel befindet. 

Das war unter anderem auch Thema des Musicals, welches ich am Abend mit Zsara zusammen besucht habe: TuLIMA. Eine Hommage an die Hauptstadt Perus. An das Chaos, den Lärm, die Unterschiede. Wunderbar inszeniert.

Zum Abschluss noch eine Filmempfehlung: DerSandmann. Hab ich im Centro Cultural der Uni gesehen. Großartig!

So, ich begeb mich mal zu Bett. Erkältung auskurieren.  

Liebe Grüße,
Karo

Donnerstag, 10. November 2011

Der Stand der Dinge

Heute hab ich Klein-Amerika mal wieder einen Besuch abgestattet. So nenne ich Shopping-Center, die für mein Befinden eher zu den USA gehören als zu Peru. Davon gibt’s hier mehrere. Wohlgefühlt hab ich mich in keinem wirklich.
Ich hab mich also nach meiner morgendlichen clase mit zwei meiner Mitbewohner und einem peruanischen Freund getroffen. Zunächst fuhren wir aber (in einem ziemlich engen micro) zu Gamarra. Da ist eine Art Einkaufszentrum mit ganz vielen kleinen Läden, die Klamotten mit den Aufnähern teurer Marken zu günstigeren Preisen verkaufen. Ich hab da nicht so ein Interesse dran, aber einer der Jungs hat sich gleich drei Shirts mit Lacoste-Krokodil gekauft. :)
Danach fuhren wir zur Jocky Plaza.  Klein-Amerika. Ein riesiges Gelände, alles todschick, Markenläden über Markenläden. Wie in einer anderen Welt. Eigentlich waren wir auf der Suche nach einem Trecking-Laden, weil mein einer meiner Mitbewohner mehrere Wochen auf ein Forschungsprojekt in den Regenwald fährt und noch auf der Suche nach einem Zelt war. Das haben wir dann letztendlich nicht gefunden, aber immerhin gab ich den Mückenschutz für den wir Montag schon vergeblich durch die halbe Stadt gegondelt sind.

Abends wollte ich eigentlich mit Kristina und Julio in eine Ausstellung. Die war dann aber nicht dort, wo sie sein sollte. Also haben wir ein Eis gegessen, sind ein bisschen durchs Zentrum geschlendert und wieder zurückgefahren.

Am Wochenende hat in Lima ein 10-Kilometer-Lauf stattgefunden. Kristina hatte irgendwann in den vergangenen Wochen die fixe Idee, dort mitzumachen. Nun gut, haben wir Zsara noch ins Boot geholt, dreimal trainiert und los ging’s!
Sonntagmorgen um neun fiel der Startschuss für 10 schnuckeligen Kilometer durch Miraflores. Zusammen mit vielen anderen Leuten (darunter als Bären Verkleidete, Väter, die mit Kinderwagen joggten und Familienmitglieder, die auf dem Fahrrad als moralische Unterstützung nebenherfuhren) liefen wir durch das gesperrte Viertel. Ein großer Teil der Strecke ging am Meer entlang. Diese Aussicht machte das Laufen doch einfacher. Ich halte mich wirklich nicht für eine Sportskanone und ich bin auch nicht sonderlich schnell gelaufen, doch als ich nach einer Stunde und 20 Minuten ins Ziel lief und sogar noch einigermaßen fit war, war ich doch ein bisschen stolz auf mich.
Findet die Lamas!

Außerdem war ich letztens im Goethe-Institut. Welch eine Oase. Eine kleine, aber feine Bibliothek. Ein schnuckeliges Café (von denen ich in Lima bisher nicht allzu viele entdeckt habe) mit Stühlen im sonnigen Hinterhof, wo ich in Ruhe einen Kaffee getrunken und gelesen hab. 

Das Semester dauert übrigens keine drei Wochen mehr. Als mir das kürzlich aufgefallen ist, war ich ziemlich schockiert, wie schnell die Zeit doch vergeht. Aber auf der anderen Seite liegen eben schon drei Monate peruanischen Studierens hinter mir.  

Schön waren sie bisher. Auf dass es so bleibt!:)

Bis bald, 
Karito

Mittwoch, 9. November 2011

Exkurs: Öffentliche Verkehrsmittel

Wenn man sich in Lima ohne eigenes Auto bewegen möchte, hat man prinzipiell drei Möglichkeiten: zu Fuß, im Taxi oder im micro. Ersteres bietet sich ja leider nur für kürzere Distanzen an und da Lima ja eine große Stadt ist, bleiben eigentlich nur noch Taxi oder micro.

Taxifahren war anfangs das reine Abenteuer für mich. Mit verhandelbaren Preisen, klemmenden Türen, manchmal recht dubiosen Fahrern und vollgestopft bis zum Kofferraum (das meine ich wörtlich) ist das hier doch eine ganz andere Erfahrung als in Europa. Die paar Male, die ich im letzten Jahr in Deutschland Taxi gefahren bin, kann ich an einer Hand abzählen. Hier greife ich mehrmals die Woche darauf zurück. Es ist aber auch so einfach. Schon wenn man eine Straße entlangläuft, werden sie alle Nase lang langsamer, kurbeln die Scheibe runter und fragen, ob du nicht mitfahren willst. Ansonsten stellt man sich einfach an den Straßenrand, winkt und schwuppdiwupp hält ein Auto. Manche haben ihr Schild auf dem Dach, bei anderen lehnt es innen an der Windschutzscheibe. Dann teilt man sein Fahrtziel mit. Der Fahrer nennt einen Preis (bei Ausländern ist der gern mal ein bisschen höher). Wenn man nicht einverstanden ist, schlägt man einen eigenen vor. Ein bisschen verhandeln, dann ist man sich meist einig. Und wenn nicht: es gibt ja noch genügend andere Taxis.
Die Fahrt an sich kann auch noch einmal zu einem gewaltigen Abenteuer werden. Immerhin neigen taxistas zu einem flotten Fahrstil, der in Kombination mit Schlaglöchern und traffic bumbs mitunter zu einer ganz schönen Schleuderfahrt wird. Je nach Anzahl der Mitfahrer ist es auch nicht immer bequem.
Angemerkt sei an dieser Stelle auch, dass Taxifahren in Lima nicht 100% sicher ist. Mir ist die eine oder andere Geschichte zu Ohren gekommen, in welcher der Taxifahrer am Ende statt des Rückgeldes eine Pistole hervorgeholt hat und die Betroffenen ausgeraubt wurden. Besonders nachts sollte man halt nicht alleine fahren und wenn es sei muss, besser ein sicheres Taxi anrufen. Mir ist bisher nichts passiert und ich hoffe, dass es auch so bleibt.
Zu den Preisen sei noch kurz gesagt, dass die weit unter deutschem Niveau liegen: grob wird ein Sol (etwa 25 Cent) pro Kilometer veranschlagt, wobei das je nach Uhrzeit und Anzahl der Personen noch steigen kann.

Die andere Möglichkeit der Fortbewegung sind micros. So werden die Busse hier genannt.
Entlang der Straße gibt es zwar Haltestellen, allerdings kann man die micros überall anhalten und ebenso überall aussteigen. Fahrpläne gibt es selbstverständlich nicht.
Ein micro sieht normalerweise so aus: ein Kleinbus, der durch bunte Streifen, auf denen die größten Straßen der Route stehen, und eine Nummer identifiziert wird, ein bisschen alt und rostig aussieht. Aus der Tür hängt sich ein/e cobrador/a, der/die die Route anpreist, die Tür nach Bedarf öffnet und schließt und während der Fahrt das Geld einsammelt. Die Sitze sind nicht immer die neusten, kürzlich hab ich einen erwischt, bei dem die Füllung schon herauskam. Oft sind die micros gestopft voll, sodass ich schon manchmal fast nicht mehr rechtzeitig rausgekommen bin.
Teuer kann man eine Fahrt im micro wirklich nicht nennen. Der Preis hängt von der Strecke ab, wobei es nur in Ansätzen ein System für dessen Berechnung gibt. Zur Uni bezahle ich jedenfalls 50 Centimos, weil ich da nur eine Straße entlang muss. Meine teuerste Fahrt hat einen Sol und 50 Centimos gekostet und da bin ich eine ganze Ewigkeit durch die Gegend gegondelt.
Den besten Eindruck bekommt ihr vielleicht, wenn ich die eine oder andere Begebenheit erzähle.
  • Ich steige mit einer Umhängetasche voller Einkäufe und einer Tüte in der Hand in ein micro, dass schon ziemlich gestopft ist. Ich stelle mich in den vorderen Teil und halte mich oben an der Haltestange fest. Der Fahrer fährt los - um gleich darauf wieder blitzartig zu bremsen. Verstärkt durch meine schwere Tasche rutsche ich, nein ich fliege eher, Richtung Windschutzscheibe. Sämtliche stehenden Passagiere scheinen einen Meter weiter vorn zu stehen. Zum Glück sind die Fahrgäste solches Verhalten ja gewöhnt und niemand ist quer durchs micro geflogen. Kurz durchatmen und weiter geht die Fahrt.  
  • Ein anderes Mal war ich etwas spät dran. Deswegen nahm ich das erstbeste micro, das kam, auch wenn das schon proppevoll war. Das führte dazu, dass ich auf der Türstufe stand und nur nicht rausfiel, weil hinter mir noch der cobrador war, der sich an den Haltegriffen an der Tür festhaltend diese ersetzte.
  • Desöfteren passiert es auch, dass Leute im micro Süßigkeiten, Stifte zum Testen der Echtheit von Geldscheinen oder Schmuck verkaufen, Lieder singen oder von den Schwierigkeiten in ihrem Leben erzählen und die Fahrgäste danach um Geld bitten. 
  • Die Fahrgäste regen sich gerne lautstark über die Fahrkünste des Fahrers auf. 
Dieser Bericht gibt natürlich nicht mal annähernd wieder, wie sich das anfühlt. Dazu muss man das selbst erleben. :)

      Montag, 7. November 2011

      Exkurs: Lima

      Ja, vor langem hab ich sie angekündigt, nun könnt ihr den ersten lesen: die Exkurse.
      Ich beginne mit Lima (was man übrigens u.a. mit Limette überzetzen kann): 


      Die Leute in Peru, denen ich bisher erzählt habe, dass ich in Lima lebe (die limeños - Leute, die in Lima wohnen - ausgenommen), haben ein bisschen bis sehr entsetzt reagiert. Lima sei hässlich, laut, riesig, anstrengend, dreckig, gefährlich, ungemütlich, das Wetter sei nicht toll. All das stimmt auch ein bisschen. 
      Lima IST riesig. Je nach Schätzung leben hier 8 bis 10 Millionen Menschen. Deswegen braucht man je nach Ziel auch Ewigkeiten, um von A nach B zu kommen. 
      Es gibt viele viele arme Viertel und einige, die selbst bei Tage, sehr gefährlich sind. Die Unterschiede zwischen arm und reich habe ich in keiner anderen Stadt so sehr wahrgenommen. 
      Es ist laut auf der Straße wegen der vielen Autos, vor allem micros und Taxis bahnen sich ihren Weg, verpesten die Luft, hupen und knattern in einer Lautstärke, die manches Gespräch zu Geschrei werden lässt. 
      Der machismo nervt mich: Männer, die mir hinterherpfeifen, -rufen, -schmatzen und -laufen und mich dabei nie als Subjekt, sondern immer nur als Objekt wahrzunehmen scheinen. 
      Die Sonne wurde in meinen ersten zwei Monaten zu einem Objekt des Hören-Sagens. Denn zu sehen bekam ich sie wegen der dichten grauen Brühe am Himmel fast nie. 

      Doch ich rede nicht ohne Grund von meinem geliebten Lima. Und das nicht nur, weil inzwischen die Sonne fast täglich intensiv auf die limeños scheint. 
      Lima verfügt über eine Vielzahl kultureller Einrichtungen: Museen, Kinos, Theater, Festivals, Konzerte. Hinzu kommen schöne Parks und natürlich das Meer und die Steilküste im Viertel Miraflores. 
      Ich mag das Leben und den Trubel auf der Straße; dass man an jeder Ecke alle möglichen Getränke, kaltes und warmes Essen, Zeitungen und frisches Obst und Gemüse bekommt. 
      Vieles ist hier so anders, zum Beispiel gibt es Leute der verschiedenen Telefonnetze, die mit einem Handy wedelnd auf der Straße stehen und llamadas, llamadas (Anrufe, Anrufe) rufen. Wenn man gerade kein Guthaben hat, kann man bei diesen netten Persönchen seine Mutter, den Chef oder die Halbschwester anrufen - gegen entsprechende Bezahlung natürlich. 
      An jeder Straßenecke gibt es tiendas (kleine Lädchen), in denen man Lebensmittel für den spontanen Bedarf, Klopapier, Handyguthaben den einen oder anderen Alkohol bekommt. Das erspart mir den Weg zum Supermarkt (denn solche gibt es natürlich auch), wenn ich doch nur eine Tomate brauche. 
      Genau so gibt es überall kleine Restaurants, wo man für wenig Geld ein (mal mehr, mal minder) leckeres Menü, köstliche Nachspeisen oder frisch zubereitete Säfte bekommt. 
      Und natürlich finde ich es schlichtweg aufgregend hier zu leben, weil es so anders ist. Ich glaube fast, dass allein in meiner Straße und den beiden daneben mehr Leute als in Ilmenau wohnen. ;)

      Ich hoffe, ihr könnt ein bisschen verstehen, warum ich mich hier so wohl fühle. Vielleicht weil man hier das Leben merkt, so abgedroschen das auch klingen mag.

      Limettige Grüße,
      Karo

      Samstag, 5. November 2011

      Flatterhaft durch den Norden

      Da bin ich wieder. Heil und munter bin ich zurückgekehrt aus dem Norden. Dort hab ich auch, nebenbei bemerkt, nichts von dem Erdbeben mitbekommen, dass am 28. Oktober hier stattgefunden hat. Meine Mitbewohner haben in Lima gar nichts gemerkt, Zsara hat das Schwanken in der 14. Etage dagegen doch als sehr eindrucksvoll beschrieben. Nun, ich bin froh, dass niemandem was passiert ist.

      Diesen Eintrag werd ich übrigens mit fremden Fotos füllen; Hannah hat eine Kamera, die mich derartig anzieht, dass ich glatt über einen Überfall nachdenken würde, würde ich Hannah nicht mögen.:)

      Hier also mein Log-Buch (der Versuch einer anderen Art der Berichterstattung):
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      27.10.2011 (Donnerstag)
      • Flug nach Chiclayo (ja, entgegen meiner sonstigen Einstellung hab ich einen Inlandsflug getätigt; 15 Stunden Busfahrt waren mir nach meinen letzten Abenteuern doch zu viel) mit Kristina und Hannah
      • in der Ciudad de la Amistad (Stadt der Freundschaft) wurden wir freundlichen von einem Taxifahrer empfangen, der uns quer durch die ganze Stadt zu einem Hostel fuhr
      28.10.2011 (Freitag)
      Sträßelein in Piura
      • in aller Frühe nahmen wir einen Bus nach Piura (2-3 Stunden), wo bereits Patricia, Willy und Thomas waren
      • zum Mittag gab es den leckersten Salat Perus (eigene Einschätzung): frisch, viel und karamelisierte Walnüsse
      • Ausflug nach Catacaos, wo es einen großen Kunsthandwerksmarkt gibt

      29.10.2011 (Samstag)
      • während Patricia und Willy sich weiter auf den Weg nach Norden machten, fuhren wir zum Strand von Colán: zum ersten Mal in Peru (und in diesem Jahr) war ich baden; es war angenehm warm; nur der Strand an sich hat leider nicht beeindruckt (ist eben Pazifik)
      • abends fuhr ich mit den Mädels wieder nach Chiclayo; Thomas kam am nächsten Tag nach
      • beeindruckend bei unserer mitternächtlichen Ankunft in Chiclayo: die Prozession für den Señor de los Milagros (ein Fest der Jesusverehrung, das oktoberlang weilt)
      30.11.2011 (Sonntag)
      Gold über Gold für den Herren von Sipán
      • Fahrt nach Sipán zu den Ausgrabungsstätten einer Moche-Pyramide (hier stieß Thomas dann auch wieder zu uns); Besichtigung der Lehmgräber und Genuss der Aussicht über das weite, grüne Tal
        Ausblick

      • in Chiclayo verweilten wir lange in einer (laut Reiseführer) Luxus-pollería (pollo heißt Hühnchen), wo wir aber de facto nur Kaffee getrunken und Schmankerl zum Besten gegeben haben
      • nächtliche Fahrt nach Cajamarca (6-7 Stunden) ins Bergland
      Cajamarca von oben
      31.10.2011 (Montag)
      • frühmorgendliche Ankunft; Fahrt ins Hostel, wo Jasmin (die schon in dem Städtchen auf 2.700 Höhenmeter war) uns ein Zimmer reserviert hatte; noch ein bisschen Schlaf
      • Erkundung der Stadt und Besuch der Baños del Inka, wo die Inka-Könige gebadet haben sollen; wir haben es ausprobiert: ach, Becken voller heißem Wasser sind schon etwas Schönes; zumal das Wasser in unserem Hostel nicht so wärmend war
      • kurz vorm Schlafen sprachen wir über Nachnamen; Kommentar von Hannah zu denen aus meiner Familie: "Unser liebster Keucher steht vor der Staude." ...



      01.11.2011 (Dienstag)
      • Tour nach Cumbe Mayo: Steinwald (riesige Steine, in die man alles mögliche reininterpretieren konnte: Ratten, Männer mit Rucksäcken, Dinosauerier etc) und ein altes Bewässerungssystem der Inka
      • Jasmin und Thomas verabschiedete sich wegen ihrer Rückfahrt nach Lima und wir Drei fuhren zu den Ventanillas de Otuzco: kleine Fensterchen im Stein, die angeblich vor langer Zeit Gräber waren
      • nach leckerstem Kuchen und Kaffee fuhren wir wieder über Nacht nach Chiclayo (ach, was war ich froh, dass ich nicht noch eine Nachtfahrt vor mir hatte!)
      Seht ihr die Ratte oder den Rucksackträger?
      02.11.2011 (Mittwoch)
      • nach ein paar Stunden Schlaf in einem Hostel (denn wir sind wieder mitten in der Nacht angekommen) auf zu letzten Abenteuern
      • Besichtigung des Museo Tumbes Reales de Sipán (wo viele Grabbeigaben und die Bestatteten aus Sipán selbst ausgestellt sind)
      • Rückflug nach Lima
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      Logbuch Ende.





      In in der Sierra, dem Hochland, gibt es sehr viel Armut. Besonders Kinder betteln dort. Als wir in Cumbe Mayo waren, saßen viele Kinder, traditionell gekleidet und manchmal mit Schäfchen auf dem Arm, und baten die Vorbeigehenden um ein bisschen Geld und zupften an unserer Kleidung, wenn wir nicht reagierten. Eine unangenehme Situation, weil ich nach wie vor nicht weiß, wie ich damit am besten umgehe. Da komme ich und mache Urlaub in einer Region, in der die Summe, die ich für meinen Flug nach Südamerika bezahlt habe, ein schieres Vermögen darstellt. Diese Unfairness macht mich wahnsinnig traurig und noch nirgend hab ich sie so wahrgenommen wie in Peru.

      Nichtsdestotrotz war es ein schöner Urlaub, den ich sehr genossen habe.

      Nun bin ich wieder in meinem geliebten Lima. Mir ist aufgefallen, dass das Semester nur noch drei Wochen dauert. Verrückt, wie die Zeit vergeht! Ich hoffe, ich kann sie genießen. :)

      Bis bald,
      Karo